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Minimalismus – lebensverändernd

Als Kind war ich nicht sehr selbstbewusst, habe jahrelang unter Mobbing in der Schule gelitten. Ich erinnere mich noch an eine Situation, ich war Jugendlich, vielleicht 13, als ich mir vorstellte, wie ich als Erwachsene bin. In meinen Gedanken habe ich mich als selbstbewusste Frau gesehen, die ihren Weg geht. Endlich wäre ich nicht mehr so unsicher. Ich wurde erwachsen, die Unsicherheit blieb. Während alle Menschen, mit denen ich die Jahre verbrachte, sich persönlich weiter entwickelten, hatte ich das Gefühl immer noch so zu sein wie früher. Lange habe ich vieles in meinem Leben kontrolliert, wollte perfekt – eben unangreifbar sein. Dies führte mich letztendlich in eine Depression. Ich begann eine Therapie, die mir grundlegend half, aber immer noch war ich unsicher in vielen Bereichen. Das ausgerechnet der Minimalismus mir den Weg zeigen sollte, hätte ich damals nicht gedacht.

Minimalismus

Dann sah ich vor vielen Jahren eins der ersten Videos von “Minimal Mimi” und bekam so zum ersten Mal etwas vom Minimalismus mit. Ich begann mich in unserem Haus umzuschauen, welches voll war mit so vielen Dingen. Wir hatten hunderte Musik-CDs, die wir nie hörten. Da waren Videos und DVDs die wir nie anschauten, einen Kleiderschrank voll mit Sachen die wir nie anzogen. Unglaublich viel Bettwäsche die uns nicht gefiehl, lag im Schrank im Keller. Ein ganzes Regal voller Bücher stand im Wohnzimmer.

Zuerst kamen die CDs an die Reihe, wir überspielten die Musik “für alle Fälle” auf eine externe Festplatte, falls wir sie noch mal hören wollten. Spoiler: diese Musik haben wir in den vergangenen 5-6 Jahren nicht einmal angehört.

Dann kam mein Kleiderschrank an die Reihe. Danach widmete ich mich, eher halbherzig, den Büchern.

Die ersten eins, zwei Jahre gingen vorbei und wir hatten mal hier und mal da etwas aussortiert, aber unser Haus war immer noch voll mit allem möglichen Kram.

Ich begann mich zu verändern

Vor ein paar Jahren kam ich mir verloren vor, ich wusste nicht so recht was mir Spaß macht, sah meinen Weg nicht. Wir lebten einfach so vor uns hin, waren froh wenn Wochenende war oder Urlaub. Ich hasste den Alltag, wünschte mich weg. Nicht der Alltag war das Problem, ich war das Problem.

Ich las unzählige Bücher, mit denen ich mich selbst finden wollte, aber keins half. Ich stritt mich ständig mit meinem Mann, weil ich so unzufrieden war, schielte zu allen anderen, weil diese es meiner Meinung nach alle besser hatten. Kurz: Ich konnte mich selbst überhaupt nicht leiden.

Langsamer Beginn

Obwohl am Anfang unseres Weges in den Minimalismus nur wenige Dinge das Haus verliessen, begann ich mich zu verändern. Mit jedem Stück, das ging, wurde ich mutiger. Jedes Teil, was ich in die Hand nahm, hinterfragte ich. Brauche ich es noch? Dazu kam eine Veränderung in meinem Konsumverhalten. Während ich früher hier und da Dinge kaufte, um mich wohler zu fühlen (Deko, damit das Haus schöner wird und ich mich endlich hier wohl fühle, Kleidung die mir Selbstbewusstsein verleihen sollte, Ratgeberbücher, die mich endlich von meiner Unsicherheit befreiten etc.) begann ich mich nun immer öfter selbst zu fragen: Brauche ich das wirklich? Und genauso oft war die Antwort: NEIN!

Nach dem Buch von Nunu Kaller “Ich kauf nix”*, welches ich innerhalb eines Tages las, verordnete ich mir selbst eine “Kauf-Diät”. Auf einmal hatte ich mehr Zeit. Und ich begann nachzudenken.

2017 wollten wir spontan in den Pfingsturlaub, leider hatten wir kein Geld für diesen Urlaub, also haben wir angefangen Dinge, die wir nicht benötigten, auf ebay-Kleinanzeigen zu verkaufen. Wir brauchten 600,00 Euro. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir das Geld zusammen und genossen eine wunderschöne Woche in Italien von der wir heute noch reden. Wir haben Kram, der nur rumstand, gegen gemeinsame Zeit und Erinnerungen getauscht.

Danach wurde das Gehen lassen von Dingen einfacher und der Keller endlich leerer, man konnte wieder hineinlaufen.

2017-2020

Über die Jahre hinweg verliessen viele Dinge unser Haus. Mit jedem Teil das auszog wurde mir leichter ums Herz. Auf Youtube und Instagram folgte ich inzwischen einigen Minimalisten und auch “Peace, Love & Om”. Katja porträtiert auf ihrem Kanal Menschen, die anders leben, in Vans, in Tinyhäusern etc.
Auch hier spielt Minimalismus eine große Rolle und jede*r von ihnen sagte, dass sich ihr oder sein Leben radikal verändert hat.

Toni T5 und Yoga-Teacher-Training

2018 kauften wir unseren Toni, unseren VW T5 California. Es war eine der besten Entscheidungen unseres Lebens.

Hier MUSSTEN wir uns begrenzen, 4 Personen und ein Hund, da war nicht viel Platz für Dinge zum Mitnehmen. Und wir bemerkten, dass die Dinge, die wir zu Hause ließen, uns nicht fehlten. Durch Toni bekamen wir Freiheit.

Auf einmal konnten wir jederzeit losziehen, diese Freiheit verlieh meiner persönlichen Entwicklung Flügel. Auf einmal wusste ich, was ich will: Reisen, frei sein, einfacher leben. Ich gründete diesen Blog.

2019 war unser persönliches Reisejahr: Spanien mit Barcelona, Schottland – die äußeren Hebriden, Südafrika – die Garden Route, Cinque Terre im Herbst und Mailand im Januar 2020. Mir ging es so gut wie nie zuvor. Die Eindrücke, die wir durch die Reisen gewannen, die Freiheit die wir hatten. Es war einfach der Wahnsinn.

Parallel dazu begann ich ein Yoga-Teacher-Training. Diese beiden Dinge – Reisen und die intensive Beschäftigung mit mir durch Yoga sorgte dafür, dass ich meine Unsicherheit etwas zu verlieren begann. Ich dachte einfach nicht mehr daran. In diesem Jahr war ich so oft gezwungen aus mir raus gehen, weit raus aus meiner Komfortzone, dass für Unsicherheit einfach weniger Platz da war.

Corona

Dann kam Corona! Und mit Corona stoppte unsere (Reise)Freiheit. Auf einmal waren wir zu Hause, viel zu Hause, lange zu Hause. Meine Yogapraxis rettete mich, das schöne Wetter rettete mich. Da viele Menschen zu Hause waren, wurde auch der Minimalismus viel bekannter.

Aber, durch die viele Zeit zu Hause, wurden wir gezwungen uns mit dem Ort, an dem wir den Alltag leben, auseinanderzusetzen. Durch die vielen Erfahrungen der vergangenen Jahre brachen nun alle Dämme. Ich begann jedes einzelne Teil in unserem Haushalt auf den Prüfstand zu stellen. So schnell wie ich aussortierte, bekamen wir die Dinge gar nicht weg. Der Keller wurde voller und voller. Wir verkauften, verschenkten, spendeten was das Zeug hielt. Ich steckte meine Tochter an, ich steckte meinen Sohn an und mein Mann folgte danach.

Wir ließen die Weihnachtsdeko gehen, wir hatten sowieso keinen echten Baum mehr, fast die komplette Deko des Hauses – bis auf ein paar ausgewählte Einzelstücke – verschwand. Ich ließ alle Bücher los – bis auf ein paar wenige, die mir am Herzen lagen. Kleidung, Wollem Bastelzeug, DVDs, Fotos….die Regale wurden leerer und konnten weg…

Und mit einem Mal war sie weg, die Unsicherheit, die mich ein Leben lang begleitete. Jede Reise, jede Yoga-Praxis, jedes Stück aus unserem Haus nahm etwas davon mit und der Minimalismus gab den Startschuss.

2022

Mittlerweile ist meine Depression 8 Jahre her. Auch heute fühle ich mich nicht erwachsen, was vielleicht auch daran liegt, dass ich das Kind in mir wieder gefunden habe. Auch heute frage ich mich noch manchmal, warum ausgerechnet ich Opfer für die Mobbingangriffe Anderer war. Aber ich hadere nicht mehr damit. Es ist ein Teil meiner Vergangenheit, nicht mehr und nicht weniger.

Mein 13 jähriges-Ich hatte recht, wenn ich erwachsen bin, werde ich nicht mehr unsicher sein, auch wenn dieser Prozess 30 Jahre dauerte. Ich weiss was ich will. Ich weiss was mir Spaß macht und ich gehe aufrecht und mit einem Lächeln durchs Leben. Ich liebe mich, so wie ich bin, mit meinen Macken, dem Unperfekten. Ich stehe inzwischen für mich ein, sage höflich und bestimmt, wenn etwas zu weit geht.

Das Schöne ist, dass ich nun auch anderen Menschen Fehler zugestehen kann, dies hat meine Freundschaften und meine Liebe zu anderen Menschen auf ein ganz neues Level gebracht. Neid, den ich früher immer wieder mal empfand, kenne ich nicht mehr. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und das Leben der Anderen – mag es nach außen auch noch so perfekt erscheinen – ist auch nicht immer rosig. Und genau diese Fehler machen uns doch so liebenswert.

Ein Blick in die Zukunft

In diesem Jahr sind wir als Familie noch einmal gemeinsam ein Stück weiter gegangen. Wir haben unsere Ziele konkretisiert, wir planen eine Auszeit als Familie, die letzte bevor die Kinder voraussichtlich ihre eigenen Wege gehen werden. Wir sind auf der Zielgerade, was den Kredit für unser Haus angeht. Wir versuchen gerade von einem Gehalt zu leben, was bisher wirklich gut klappt.

Nachdem wir so viel aussortiert haben, dachte ich, haben wir alles weggegeben, was wir nicht benötigen. Dem ist nicht so. Immer wieder finde ich Dinge, die gehen dürfen. Die Kiste vor unserer Tür, in der sich die “zu verschenken” Sachen befinden, wird immer wieder neu befüllt.

Der 31.12. ist seit jeher ein großer Tag für uns, an diesem schauen wir zurück auf das vergangenen Jahr und voller Hoffnung in das Neue. Ich bin schon jetzt gespannt, wo wir am 31.12.2022 stehen werden. Wie weit wir mit unseren Zielen gekommen sind.

Ich bin froh, damals den Minimalismus entdeckt zu haben. Er gab den Startschuss für eine Entwicklung, die unser Leben total verändert hat und auch weiter verändern wird.

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2 Kommentare

  1. Regine L. Regine L.

    Hallo Julia,
    ein neuer Ansatz, über den ich mal ausführlich nachdenken werde. Am besten bei einem langen Spaziergang durch den Wald.
    Ich ertappe mich auch dabei, dass bestimmt einiges an Konsum dazu da ist, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken bzw. von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich abzulenken.
    Toll wie Du es alles umsetzen konntest, da hänge ich noch sehr oft fest. Viel gelesen und für gut befunden, aber in der Umsetzung nicht ausdauernd genug.
    Aber ich bleibe dran!
    Liebe Grüße Regine

  2. einfachfreileben einfachfreileben

    Liebe Regine,

    vielen Dinge brauchen Zeit im Leben, vor allem was die eigene Entwicklung angeht. Und wichtig sind auch immer wieder Pausen dazwischen um zu reflektieren. Und in den Wald gehen kann ich Dir nur wärmstens empfehlen. Mir hilft das immer sehr!

    Grüße
    Julia

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