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Minimalismus – hat das Aussortieren je ein Ende?

Wenn wir anderen Menschen erzählen, dass wir Minimalismus leben, aussortieren und unseren Hausstand verkleinern fragen diese: “Und wann seid ihr fertig?” Diese Frage stelle ich mir seit Jahren.

Wird es jemals den Punkt geben an dem ich “fertig” bin?

Was ist, wenn ich alles aussortiert habe, was wir nicht brauchen?

Als wir vor 5-6 Jahren anfingen Dinge, die wir nicht benötigen, wegzugeben, kannte ich den Begriff Minimalismus nur als Stilrichtung der Kunst. Der Minimalismus, wie wir ihn heute kennen, war damals noch nicht weit verbreitet. Mit der Zeit bekam diese Sache die wir taten einen Begriff.

Wir sortieren seitdem immer wieder aus und heute möchte ich mich mit den oben genannten Fragen auseinander setzen!

Unterlagen aussortieren
Aussortieren ist ein Prozess

Werden wir je fertig sein?

Aussortieren – minimalisieren – ist ein Prozess. Klar können wir die Hälfte des Hausstandes von heute auf morgen weggeben und mit weniger leben, aber meiner Meinung nach ist der Prozess des Loslassen wichtig.

Warum hebe ich Dinge auf, die ich ja scheinbar nicht mehr benötige?

Bis vor einiger Zeit hätte ich diese Frage nicht so einfach beantworten können. Ja warum eigentlich?

Warum habe 10 Jahre lang meine Staffelei aufgehoben, obwohl ich sie nie benutzt habe? Warum habe ich die Farben aufgehoben, bis auch die letzten unbrauchbar waren, obwohl ich nie gemalt habe?

Ganz einfach: Es ist ein Bild, welches wir nach Außen abgeben wollen.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich gemalt. Ich war die Kreative. Wenn ich anderen erzählt habe, dass ich male, war ich jemand Besonderes. Nicht dass es jemals ein Bild von mir in eine Ausstellung geschafft hätte oder verkauft worden wäre, aber ich liebte dieses Bild der Malerin nach Außen, so wollte ich sein. Immerhin hängt ein Bild bei meinem Bruder!

Nun male ich bereits seit mehreren Jahren nicht mehr. Ich habe einfach das Interesse daran verloren. Aber die Sachen blieben, für den Moment an dem ich vielleicht doch noch mal Lust bekommen sollte. Beim letzten Flohmarkt im September habe ich die Staffelei an eine junge Frau verkauft, sie war überglücklich diese gefunden zu haben. Und ich habe mich sehr gefreut, dass sie in gute Hände gekommen ist.

Ähnlich geht es mir mit meiner Wolle. Es gab Zeiten in denen ich 4 große Kisten voll Wolle stehen hatte, für alle Eventualitäten. Dazu Stricknadeln, Häkelnadeln etc. Lange Zeit habe ich wirklich gern gehäkelt, aber bereits seit einiger Zeit tue ich das nicht mehr, meine Interessen haben sich geändert, ich habe mich weiterentwickelt. Zuerst durften die Stricknadeln gehen, dann Einiges an Wolle – die die ich nicht so recht mochte. Nun habe ich immer noch zwei kleine Kisten Wolle. Mein Ziel war es, mir einen Pulli zu häkeln den ich auch tragen kann. In den letzten 43 Jahren habe ich das nicht geschafft. Und ich vermute, in den nächsten Jahren werde ich es wohl auch nicht schaffen.
Wäre es vor 3 Jahren noch undenkbar gewesen überhaupt meine Wolle und das Zubehör wegzugeben, bin ich inzwischen so weit, dass ich sie wohl nicht vermissen werde.

Meine Großmutter, die gern gehäkelt hat, ist gestorben als ich 11 war. Immer wieder habe ich, wenn ich gehäkelt habe, gehört: Deine Oma wäre so stolz auf Dich. Ja, der Gedanke ist schön, aber heute weiß ich, sie wäre auch so stolz auf mich, ob ich nun häkle oder nicht. Und diese Erkenntnis lässt mich nun auch meine restliche Wolle loslassen.

Authentizität

Dieser Prozess braucht jedoch Zeit. Zeit um darüber nachzudenken, warum ich etwas behalte. Zeit um mir klar zu werden, was ich möchte. Mein großes Lebensziel war immer, dass ich wirklich authentisch leben möchte. Dafür muss ich aber alles loslassen, was ich nach Außen darstellen will. Muss ganz bei mir selbst ankommen. Nur dann bin ich authentisch.

Durch den Minimalismus bin ich hier schon sehr weit gekommen. Ich habe erkannt, dass ich nach Außen nichts darstellen muss, dass ich einfach nur sein kann. Das Mantra “Ich bin genug!” begleitet mich nun bereits einige Zeit.

Um auf die Frage zurück zu kommen: werden wir je fertig sein? NEIN! Oder wie Mando sagen würde. Das ist der Weg! Lebensumstände ändern sich. Kinder werden geboren, werden größer, ziehen aus. Tiere kommen und gehen. Wir arbeiten weniger oder mehr, gehen in Rente. Unsere Interessen ändern sich. Mit jeder Veränderung im Leben gehen auch Dinge, die wir nicht mehr benötigen. Oder es kommen Dinge dazu, die uns eine Zeit begleiten.

Minimalismus ist kein Ziel, es ist ein Weg!

Und damit kommen wir zur zweiten Frage:

Was ist wenn ich nur noch das habe, was ich brauche?

An diesem Punkt war ich in den vergangenen Jahren bereits mehrmals. Das waren dann die Pausen, die ich für meine Weiterentwicklung benötigte. Dann war hier über Tage, Wochen oder Monate Stillstand mit dem Aussortieren. Und irgendwann war der Moment wieder da, diese innere Stimme die sagte: “Ich möchte was aussortieren.” Und es ging weiter auf dem Weg des Minimalismus.
Heute weiß ich, dass ich an diesem Punkt soweit war, Dinge verarbeitet habe und weitermachen konnte.

Was ist, wenn ich irgendwann wieder das Bedürfnis nach mehr habe?

Ich hatte das Bedürfnis bisher nie. Es war in den vergangenen Jahren eher immer das Bedürfnis nach weniger, nach noch mehr Minimalismus. Mir ist immer klarer geworden, dass ich viele Dinge eben nicht benötige. Wenn ich das Bedürfnis nach mehr Dingen hätte, würde ich mich eher fragen, was gerade so los ist in meinem Leben! Bin ich noch bei mir? Habe ich ein Bedürfnis nach Sicherheit?

An manchen Tagen habe ich eine innere Unruhe, merke dass ich nicht mehr so zufrieden bin. Früher konnte ich schlecht damit umgehen. War dann oft genervt oder gereizt. Heute weiß ich, was ich tun kann.

1. Ich nehme unseren Hund, gehe in den Wald und laufe eine große Runde, gern alleine.

2. Ich praktiziere Yoga, ebenfalls alleine. Hierbei bin ich sehr achtsam, verbinde mich gut mit meinem Atem.

3. Ich nehme mir Zeit für mich, alleine.

Eine der Möglichkeiten ist immer machbar. Alles hilft. Danach sehe ich wieder klarer.

In unserer hektischen und schnelllebigen Welt, mit vielen Reizen im Außen, ist es nicht leicht immer bei sich zu bleiben. Daher empfinde ich den Rückzug, sei es im Wald, beim Yoga oder einfach so bei mir, als wohltuend.

Den Prozess zulassen

Jeder von uns ist in seinem Leben an einem Punkt, an dem er oder sie überlegt wie es weitergeht. Oft wird diese Phase als “midlife crisis” bezeichnet. Bei mir kam damals die Frage auf: “Ist das alles?”

Wir Menschen streben immer nach Glück und Zufriedenheit. Aber Glück und Zufriedenheit sind nichts, was von Dauer ist. Natürlich kann ich zufrieden sein mit dem, was ich habe, aber Krisen kommen dennoch immer wieder.

Ich bezeichne mich als wirklich zufriedenen, optimistischen und positiven Menschen, am vergangenen Wochenende hatte ich jedoch einfach nur schlechte Laune. Ich war genervt von allem und wusste nicht so recht was los ist. Das Ganze hat sich erst Sonntagabend aufgelöst, nach einem Spaziergang mit meinem Mann und einer ausgiebigen Yoga-Einheit. Erst nachdem ich mir Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt habe, wurde es besser.

Krisen sind wichtig, weil Du Dich sonst im Leben nicht weiterentwicklen würdest. Wenn Du immer nur zufrieden und glücklich wärst, hättest Du keinen Anreiz, Deine persönliche Entwicklung voran zu treiben. Du würdest stehen bleiben. Das ganze Leben ist eine Welle aus aufs und abs. Gerade diese machen das Leben interessant.

Dabei ist es gut, wenn Du den Prozess zulassen kannst ohne zu denken: Warum geht es mir schon wieder schlecht? Solange sich die guten und weniger gute Phasen die Waage halten, kannst Du es einfach zulassen. Sei in den schlechten Phasen besonders liebevoll zu Dir und denke daran, es geht wieder bergauf. Halten die schlechten Phasen dauerhaft an, solltest Du Dir notfalls Hilfe suchen.

Fazit

Der Minimalismus ist Teil unseres Lebens geworden. Gerade weil sich unsere Interessen und Lebensumstände immer wieder ändern, werden wir niemals fertig sein. Und das ist auch gut so. Wir möchten gern offen bleiben, für neue Entwicklunsschritte, für neue Ideen. Wir möchten offen bleiben für neue Interessen. Unser großes Hobby ist reisen, wir planen für 2026 ein Jahr Auszeit. Auch im Hinblick darauf werden wir noch weiter aussortieren und wirklich alles, was wir nicht benötigen, darf gehen.

Am Wochenende haben wir das Dachstudio erneut umgeräumt. Ich brauchte Platz für vier Freundinnen, mit denen ich gemeinsam Yoga praktiziere. Max Schreibtisch ist unter die Dachschräge gewandert, dabei kam die Frage auf, ob wir das Klappsofa, welches hier für Besuch steht, wirklich behalten wollen? Es steht nun bei Ebay-Kleinanzeigen drin und wird verkauft. Es gibt andere Möglichkeiten zum Übernachten bei uns im Haus: ein Klappbett, eine Klappmatratze und das Sofa im Wohnzimmer. Gleichzeitig durften vier ganze Ordner mit Papierkram gehen. Alte Kontoauszüge, Rechnungen, Hundesteuerunteralage, Teilnahmebescheinigungen (Word und Excel 1997, warum ich die aufgehoben habe?) etc., weil ich unsere Ablage gern in das Regal integrieren wollte. Heraus kam ein offener, wunderschöner Raum, in dem wir einmal die Woche in Ruhe Yoga praktizieren können.

Der Blick auf die Dinge, die Du aufhebst obwohl Du sie nie benutzt zeigt Dir, wo Du noch Aufgaben zu erledigen hast, wo Du noch an Dir arbeiten darfst und wo noch viel Entwicklungspotenzial steckt. Nach dem Wochenende bin ich übrigens wieder sehr zufrieden, optimistisch und positiv. Mir geht es wieder gut.

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