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Frugalismus mit Teenagern – geht das?

Wir haben den Frugalismus vor einer Weile entdeckt. An manchen Tagen ärgere ich mich, dass ich ihn nicht früher entdeckt habe, mit Anfang 20. So würde mein Leben sicherlich anders aussehen. Ich kann mich noch gut an die Sorgen erinnern, die wir hatten, weil das Geld hinten und vorne nicht gereicht hat. Dass wir einfach nur keinen Überblick über unsere Finanzen hatten, viel konsumiert haben und eigentlich gar nicht wussten wo es hingehen soll, das wussten wir damals nicht. Mittlerweile sind 15 Jahre vergangen. Heute wissen wir, wofür wir unser Geld ausgeben, wir wissen was uns wichtig ist und worauf wir gern verzichten können, ohne dass es uns einschränkt.

Den Weg Richtung Minimalismus schlugen wir bereits vor ein paar Jahren ein. Noch immer finden wir Dinge, die wir nicht mehr gebrauchen können, die wir nicht nutzen oder die uns keinen Mehrwert bringen. Am Wochenende habe ich eine ganze Kiste mit alten Fotos aus meiner Jugend aussortiert. Zuerst die Fotos die unscharf und verwackelt waren, dann die von den Menschen, die ich eigentlich nie so richtig leiden konnte oder zu denen ich keinen Kontakt mehr habe oder die ich nur flüchtig kannte. Übrig geblieben sind weniger als 10 Fotos, die ich mir wirklich gern ansehe. Von einer ganzen Fotokiste!

Was macht der Frugalismus mit unseren Teenagern?

Durch unseren Minimalismus-Weg sind unsere Kinder schon vor Jahren damit in Berührung gekommen. Auch sie haben aussortiert, nicht weil wir es wollten, weil sie es wollten. Wir haben es nur vorgelebt. Mittlerweile sortieren sie immer wieder mal aus, dann dürfen alte Comics gehen, die ausgelesen sind oder Modeschmuck, der nicht getragen wird. Wir haben festgestellt, dass die Kids inzwischen genau wissen, was sie wollen und was sie nicht wollen.

Seit wir uns dem Frugalismus zugewandt haben, haben wir unzählige Gespräche geführt. Warum wir etwas kaufen oder eben nicht mehr kaufen, was uns wichtig ist (Zeit!) und was uns unwichtig erscheint. Nicht weil wir die Kinder „bekehren“ wollen, sondern weil es einfach Teil unseres Lebens ist und wir uns als Familie darüber unterhalten.

Unsere beiden Teenager haben viel übernommen. Wurde noch vor zwei Jahren das Taschengeld jeden Monat rausgehauen für neue Klamotten, Comics, Lego oder in der Drogerie, bleibt es inzwischen größtenteils auf dem Konto und wird gespart. Wofür? Unsere Tochter möchte in einem Jahr mit ihrem Führerschein anfangen und unser Sohn spart auf einen PC.

Sicherlich kommen immer noch einmal Wünsche hoch, die dürften sie sich auch jederzeit erfüllen, schließlich ist es ihr Taschengeld und sie sind uns keine Rechenschaft schuldig. Ich bitte jedoch darum, dass sie eine Nacht darüber schlafen. Eine der wichtigsten Frugalismus-Eigenschaften. Wenn es dann immer noch wichtig ist, können Sie es kaufen. In 99% der Fälle hat es sich aber erledigt.

Kleidung

Ich würde sagen in diesem Bereich haben wir einfach Glück. Unsere Tochter hat einen sehr guten Modegeschmack. Sie trägt das, was ihr gefällt und gut steht, egal ob es in Mode ist oder nicht. Wichtig ist, dass es sich gut anfühlt. Zu eng, zu weit, kratzig…gibt es nicht. Sie zieht es an und ist nicht zu 100% überzeugt? Dann wandert es nicht in ihren Kleiderschrank.

Da wir auch viel über die Herstellung von Fast Fashion gesprochen und uns Dokumentationen dazu angesehen haben, kaufen wir fast nur noch Second Hand ein bzw. fair produzierte Kleidung.

Bei unserem Sohn gibt es genau ein Kriterium. Es muss sich gut anfühlen. Kratzige Sachen zieht er nicht an, zog er noch nie an. Er hat ein paar T-Shirts, ein paar Hosen und Unterwäsche. Da er auch im Winter immer ein kurzes Shirt unter die Jacke zieht, fallen Pullis fast weg.

Letztens haben wir festgestellt, dass er keine passenden kurzen Hosen mehr hatte, da er ziemlich gewachsen ist. Also haben wir ein paar neue gekauft, die er jetzt jeden Tag im Wechsel trägt. Er hat genau zwei paar Schuhe und ein paar Schuhe für den Sportunterricht. Er zieht keine Sandalen an, keine Winterschuhe. Er lebt hier schon seit Jahren sehr minimalistisch.

Wir halten es bei den Kindern wie bei uns. Kaputtes wird ersetzt. Das heisst, wenn etwas kaputt geht, ersetzen wir es ohne Wenn und Aber. Mehr aber auch nicht. Sie sind zufrieden, brauchen auch nicht mehr. Die Zeit, die wir ihnen schenken, weil wir weniger zu tun haben, gefällt ihnen mehr.

Ernährung

Bei uns zu Hause wird jeden Tag gekocht. Ich koche die meiste Zeit, mein Mann und die Kinder übernehmen zweimal die Woche. Wir sind zu Hause 3 Vegetarier, essen manchmal Fisch, unser Sohn isst omnivor. Ich kaufe jedoch keine Wurst und auch kein Fleisch. Ab und zu gibt es bei Foodsharing Wurst, die isst er dann. Wenn er Fleisch essen möchte, tut er dies in der Mensa der Schule.

Unsere Ernährung ist recht simpel. Wir kaufen vieles unverarbeitet. Unser Obst und Gemüse bekommen wir als Biokiste. Dazu gibt es Basics wie Kartoffeln, Nudeln, Reis. Joghurt bekommen wir immer wieder über Foodsharing, ich esse jedoch schon länger keinen mehr.

veganer Döner
veganer Döner selbstgemacht

Selten möchten die Kinder etwas vom Döner, Lieferdienst und Co., das ist dann ok. Aber es ist eher die Ausnahme als die Regel. Uns schmeckt unsere eigene Pizza auch deutlich besser. Bei Süßigkeiten sind wir inzwischen bei dunkler Schokolade gelandet (60% bzw. 70%). Sonstige Süßigkeiten kaufen wir nicht, die bekommen sie manchmal geschenkt.

Ich frage jedesmal bevor ich einkaufen gehe, was unsere Teenager sich wünschen. Hier die Favoriten: Ofenkäse, Linsen mit Spätzle und vegetarischen Wiener.

Ich gestalte unseren Essensplan sehr abwechslungsreich. Durch Foodsharing und To Good To Go haben wir oft Abwechslung und probieren Lebensmittel, die wir selbst so nicht kaufen würden. Diese Woche waren zwei Mürbteige dabei, daraus mache ich heute abend Gemüsequiche. Am Montag gab es türkische, grüne, scharfe Paprika, hier haben wir zum Abmildern Kokosmilch benutzt und Reis dazu gegessen.

Möchtest Du wissen wie Du bei Lebensmitteln sparen kannst? Hier findest Du einen tollen Artikel dazu.

Ausflüge und Aktivitäten

In der Corona-Pandemie sind die Ausflüge, die Geld kosten, zurück gegangen. Klar, vieles hatte zu und konnte nicht besucht werden.

Wir gehen gern wandern, bereits vor Corona haben wir diese Aktivität für uns entdeckt. Es gibt in Deutschland unzählige Premiumwanderwege und wir geniessen die spektakuläre Aussicht auf den Wanderwegen. Wir verbringen sehr gern Zeit miteinander als Familie. Da wir unseren Toni haben, können wir auch problemlos weiter entfernt wandern gehen und übernachten einfach vor Ort. Wandern ist sowieso das Frugalismus-Hobby überhaupt.

Freiheit im Toni
Freiheit mit Toni

Wir nutzen auch viele kostenfreie Aktivitäten mit unseren Kindern, nehmen das Essen und die Getränke für unterwegs mit. So sparen wir Geld, verbringen Zeit zusammen und zeigen den Kindern gleichzeitig, dass schöne Aktivitäten nicht unbedingt was kosten müssen.

Hier findest Du 20 kostenlose Aktivitäten mit Kindern und Teenagern.

Handy & Laptop bei Teenagern – Fruglismus möglich?

Eine zeitlang waren Handys bei uns ein Thema. In der Klasse unserer Tochter (Klasse 9) haben einige der Schüler das neuste IPhone bekommen. Unsere Kinder haben das IPhone 7+. Sie haben es von den Großeltern bekommen, diese haben sich ein neues Gerät gekauft und das alte weiter gegeben. Die Handys funktionieren tadellos und auch der Akku hält noch gut.

Trotzdem war das neuste IPhone 12 immer wieder ein Thema. Unsere Tochter sprach immer wieder davon. Wir haben ihr jedesmal das gleiche geantwortet. Wenn Du es möchtest, kaufst Du es Dir selbst. Wir haben ihr aufgezeigt, wie lange sie ihr Taschengeld dafür sparen muss, nämlich fast 2 Jahre. Das ist wirklich lange in dem Alter. Als sie überlegte, ihr Firmgeld dafür zu nutzen, haben wir ihr erklärt, dass dieses anteilig für den Führerschein gedacht ist. Einen Teil zahlen wir, aber sie steuern auch etwas bei. Sie kann das Geld gern nutzen, aber dann wird sie den Führerschein kommendes Jahr nicht bezahlen können.

Begleitung auf Augenhöhe

Wir waren nicht dagegen, aber wir haben auf Augenhöhe mit ihr gesprochen und die Vor- und Nachteile aufgezeigt. Sie hat immer noch das IPhone 7+ und ist nun zufrieden damit. Das neuste Handy ist kein Thema mehr. Sie hat sich selbst entschieden, dass andere Dinge wichtiger sind. Sie hat Prioritäten gesetzt.

Wir als Eltern begleiten unsere Kinder in allen Phasen. Wir stehen ihnen zu Seite und besprechen gemeinsam anstehende Entscheidungen.

Gebraucht ist deutlich günstiger

Als klar war, dass die Kinder ins Homeschooling müssen, hat sich mein Mann nach gebrauchten Laptops umgeschaut. Wir haben eine sehr günstige Lösung gefunden, zwei alte Firmengeräte, die verschrottet werden sollten. Hier hat mein Mann neue Festplatten bestellt, ein Ladekabel fehlte und er hat sie etwas schneller gemacht. Die Lösung funktioniert für beide Teenager gut, jeder hat sein eigenes Gerät und dieses hat nur einen Bruchteil eines neuen gekostet.

Der Vorteil, wenn man Dinge nicht sofort kauft, ist, dass sich der Verstand mit anderen Möglichkeiten beschäftigt. Wir überlegen dann, wie wir es möglich machen können. Es gab bisher keine Situation in der der wir nicht eine Lösung gefunden hätten.

Playstation, Netflix, Spotify

Die Playstation 4, welche wir besitzen, war vor Jahren ein Geschenk zu Weihnachten von den Großeltern. Solange diese funktioniert, wird es keine neue geben.

Netflix und Amazon prime gibt es bei uns nicht mehr. Wir haben es einfach zu selten genutzt. Wenn wir doch einmal etwas schauen wollen, leihen wir uns DVDs aus der Bücherei oder von Freunden aus.

Wir besitzen einen Spotify Familienaccount für 14,99 Euro im Monat. Dieser wird von unseren Kindern – aber auch von uns Erwachsenen – rege genutzt und lohnt sich definitiv. Frugalismus und Minimalismus schließt das nicht aus. Wenn wir es nutzen und es uns einen Mehrwert bringt, zahlen wir gern. Wir lassen eben nur Dinge weg, die uns nicht sinnvoll erscheinen.

Mobilität

Unsere Kinder gehen in der nächsten Stadt auf die Schule, wir wohnen auf dem Dorf. Als wir damals umgezogen sind, haben wir darauf geachtet, dass sich weiterführende Schulen in der Nähe befinden. So können beide mit dem Fahrrad zur Schule fahren und sie fahren bei jedem Wetter.

Während Massimo im Homeoffice arbeitet, fahre ich, wenn das Wetter es zulässt, mit dem Fahrrad ins Büro. Das sind pro Tag 14 km und macht mich immer noch zufrieden.

Wohnsituation

Wir leben in einem Reihenhaus, welches wir vor 12 Jahren gekauft haben. Spätestens in 12 Jahren soll es wieder verkauft werden. Wenn wir heute noch einmal vor der Entscheidung ständen, Haus kaufen ja oder nein, würden wir es nicht tun. Die Kinder haben jeder ein eigenes kleines Zimmer, das ist ok. Aber der restliche Platz ist schon überdimensioniert für eine 4-köpfige Familie. Alles muss instand gehalten, geputzt und gewartet werden. Das kostet Zeit, Zeit die wir lieber mit unseren Kindern als Familie verbringen.

Allerdings hat sich der Putz- und Wartungsaufwand deutlich reduziert, seit wir so viele Dinge losgeworden sind. Wir müssen nicht mehr aufräumen, staubsaugen und wischen übernimmt unter Saugroboter und staubwischen geht super schnell, weil kein Kram mehr rumsteht. Als unser Sohn letztens zu uns kam und sagte: „Mama, wenn die Dinge einen festen Platz haben geht das aufräumen viel schneller!“ habe ich mich wirklich gefreut, er hat mit seinen 13 Jahren etwas begriffen, dass ich erst als Erwachsene erkannt habe.

Allerdings haben wir mit unserem Haus auch Glück. Der Standort war damals gut gewählt. Wir haben kurz nach der Bankenkrise gekauft und heutzutage tragen verschiedene Umstände dazu bei, dass immer Wohnraum gesucht wird in dem Ort, in dem wir leben. Und wir haben tolle Nachbarn, ein älteres Ehepaar, mit denen wir wirklich gut auskommen. Wir sind direkt in der Natur, dank Ortsrandlage und die Ruhe ist toll.

Frugalismus - Stockbrot im eigenen Garten
Stockbrot und Lagerfeuer im Garten

Fazit

Wie Du siehst, schließen sich Frugalismus und Kinder nicht aus. Wir sparen jeden Monat Geld, welches wir für unser großes Ziel auf die Seite legen, dabei nagen wir weder am Hungertuch, noch geizen wir oder verwehren uns alles Schöne. Wir haben einfach für uns die Entscheidung getroffen, was gut für uns ist. Und die Teenager im Haus leben es uns nach. Nicht durch Zwang sondern durch Nachahmung, Gespräche und viel Liebe. Was übrig bleibt ist Zeit. Wir haben Zeit für unsere Kinder, wir genießen es mit ihnen zu reden, zu diskutieren und sie zu begleiten. Ich hoffe, dass sie sich später gern an die Zeit erinnern, die wir gemeinsam verbracht haben.

Und auch wenn es nichts bringt, zurück zu schauen, wünsche ich mir manchmal, dass ich den Fruglismus schon früher entdeckt hätte.

Was denkst Du? Ist es möglich frugalistisch zu leben und dennoch Kinder zu haben? Schreib es mir gern in die Kommentare.

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