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Frugalismus = langweiliges Leben?

In den Medien wird der Frugalismus- also das bescheidene, einfache Leben – oft mit langweilig, öde und nicht lebenswert gleichgesetzt. Dabei ist es alles andere als das. Frugalismus bedeutet nicht, dass man kein Geld mehr ausgibt, nur noch von Wasser und Brot lebt und im Dunkeln zu Hause sitzt. Ok, das war jetzt etwas überspitzt, aber lest selbst.

Frugales Leben

Frugal bedeutet zunächst nur einfach und bescheiden. Was für Dich einfach und bescheiden ist, ist Deine eigene Definition. Für uns bedeutet frugal, dass wir kein Geld für Dinge ausgeben, die wir nicht benötigen. Dazu zählen bei uns solche Dinge wie Shoppen gehen, dauernd auswärts essen, teure Hobbys und auch teure (Pauschal)reisen. Das bedeutet nicht, dass keine Pauschalreisen gebucht werden sollten oder Du nur noch zu Hause kochst und isst. Es bedeutet einfach nur, dass Du Dir klar wirst, was Dir wichtig ist. Denn das entscheidet, wie Dein Leben aussieht.

Wir essen gern, wir kochen aber auch gern, vor allem am Wochenende. Max und ich stehen regelmäßig gemeinsam in der Küche und bereiten Essen zu. Wir können dabei miteinander reden und es ist eine Zeit, die uns als Paar gehört, denn das ist die Zeit, in der die Kinder uns alleine lassen, da sie sonst mit ran müssen.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht gern essen gehen, das tun wir. Nur eben nicht oft, es ist etwas Besonderes für uns.

Wir verreisen auch gern. Da wir aber noch nie die Pauschalurlauber waren, sondern lieber individuell und minimalistisch unterwegs sind, ist das für uns kein Verzicht. Wir sind langsam unterwegs, gern an Orten, die nicht so überlaufen sind. Es macht uns nichts aus unterwegs zu kochen und unseren Kaffee morgens selbst zuzubereiten. Wir geniessen es morgens lange zu trödeln, müssten wir uns anziehen und ins (Club-)Restaurant gehen, wäre das für uns keine Erholung.

Toni

Shoppen ist für uns ebenfalls keine Entspannung. Wir haben die Dinge, die wir benötigen. Einfach mal so bummeln gehen, wie es viele andere gern tun, ist nichts für uns. Da gehen wir lieber in den Wald oder lesen ein Buch.

Überlege, was Dir wichtig ist!

Wenn Du Dir überlegst, was Dir im Leben wichtig ist, und es öfter in Deinen Alltag einbaust, wirst Du zufriedener. Wenn Du zufriedener bist, brauchst Du keine Ersatzbefriedigung. Denn genau das sind viele Dinge, für die wir Geld ausgeben. Wir tun dies, damit es uns besser geht.

Wir fühlen uns nicht schön? Dann kaufen wir uns einen neuen Pulli, in der Hoffnung dass wir uns damit schön fühlen. Blöd nur, dass wir bereits eine Menge davon im Schrank haben, die auch nicht dazu beitragen. Besser wäre zu akzeptieren, dass es uns gerade nicht gut geht und zu hinterfragen, warum dies so ist.

Die Werbung tut ihren Teil dazu. Sie suggeriert uns, dass wir DAS ultimative, zufriedene und tolle Leben führen sollen. Die sozialen Medien sind voll mit wunderschönen, glücklichen Menschen, die ein tolles Leben führen. Sowas wollen wir doch auch! Aber hier ist auch viel gestellt und es werden nicht die Momente gezeigt, an denen sich die Menschen unwohl fühlen, an sich selbst zweifeln oder einfach nur den “langweiligen” Alltag leben.

Was wäre, wenn Du das alles hinter Dir lässt und nach Dir schaust? Anfängst Dich zu akzeptieren, Dich zu lieben? Was wäre, wenn Du anfängst zu hinterfragen, was Du möchtest? Nicht was Du glaubst haben zu müssen, weil andere es vorleben.

Sie kaufen Dinge, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen, mit Geld, das sie nicht haben.

Richard David Precht

Wie sparsam leben wir?

In den vergangenen Jahren haben wir viel hinterfragt. Wie haben unseren Besitz hinterfragt, wir haben hinterfragt wie wir Leben möchten, was uns wichtig ist und wir haben uns selbst gefragt, wer wir sind.

Die Folge: Wir haben viel aussortiert, unsere Finanzen geordnet, neue Ziele festgelegt und sehen unsere Zukunft klar und deutliche vor uns, zumindest an den meisten Tagen.

Frugalismus und Hobbys

Max geht den Weg des Karate Do. Ich lebe Yoga. Während Max im Verein ist, praktiziere ich zu Hause. Neben Kleidung, die wir einmal angeschafft haben, einer Yoga-Matte, die ich benötige, kostet beides nicht viel Geld. Ich unterrichte Yoga, während Max Kinder im Verein trainiert. So geben wir etwas von dem, was wir wirklich gern tun, zurück. Während unser Sohn Basketball – ebenfalls im Verein – spielt, liest unsere Tochter viel, dafür hat sie – inzwischen – 4 Bücherei-Ausweise (unter 18 kostenfrei) der verschiedenen Gemeinden und Orte hier und in Stuttgart.

Yoga
Yoga

Ernährung

Wir leben vegetarisch und kochen einfach Gerichte, am liebsten aus regionalen und saisonalen Zutaten. Diese sind nicht nur besser für die Umwelt und gesünder, sondern auch günstiger. Als Getränke gibt es Wasser und Tee. Softdrinks oder Saft gibt es nur selten, an Feiertagen oder wenn wir essen gehen. Wir verzichten nicht, leben aber die einfache Ernährung, weil sie uns gut tut.

Pizza selbst gemacht
Pizza geht bei uns immer

Fortbewegung

Wir versuchen so viel wie möglich mit dem Fahrrad bzw. zu Fuß zu erledigen, auch den Weg in die Schule bzw. ich auf Arbeit. Max arbeitet im Homeoffice und geht selten ins Büro, pandemiebedingt. Bei der Wahl unseres Wohnortes vor 14 Jahren haben wir bereits darauf geachtet, dass wir alles was wir benötigen im Ort oder im Nachbarort haben und so das Auto für die alltäglichen Dinge nicht benötigen. Auch eine gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln war uns wichtig, diese ist zwar noch ausbaufähig, vor allem am Wochenende, aber es gibt regelmäßige Verbindungen.

Fahrrad Büro
mit dem Rad ins Büro

Kleidung

Wir leben den Minimalismus, auch im Kleiderschrank. In ihm befinden sich nur Sachen, in denen wir uns wohl fühlen und die wir gern anziehen. Wir kaufen nur dann etwas, wenn ein Teil ersetzt werden muss oder die Kids mal wieder einen Wachstumsschub hingelegt haben. Und dann schauen wir oft im Umsonstladen vorbei oder kaufen Second Hand.

Ich habe beispielsweise 8 Paar Schuhe: Wanderschuhe, Laufschuhe, zwei Paar Sneakers, zwei Paar Winterschuhe (davon ein Barfuß-Paar), Barfuß-Ballerina und Flip Flops für den Urlaub. Unser Sohn hat genau zwei Paar Schuhe, er möchte nicht mehr. Er wechselt immer durch, wenn eins kaputt ist, wird ein neues Paar gekauft.

mein Kleiderschrank
mein Kleiderschrank

Urlaub

Wir haben einen VW Camper. Mit diesem verreisen wir gern. Im Frühling 2022 geht es für die Kids und mich für zwei Wochen nach Schottland. Als Budget haben wir hier 1.500,00 Euro angesetzt, für alles. Dieses Geld haben wir uns nebenbei angespart, so dass es unser Alltagsbudget nicht belastet.

Auch im Sommer sind wir sparsam unterwegs. Wenn wir nicht im Bus Urlaub machen, mieten wir uns Mobilehomes. So halten sich die Kosten in Grenzen und wir verzichten trotzdem nicht auf Urlaub.

Mobilhome Seget
Mobilhome in Kroatien

Warum leben wir so sparsam?

Wir haben mehrere Ziele. Das Erste ist: Wir möchten das Haus in den nächsten Jahren abzahlen. Das führt uns direkt zum zweiten Ziel: Am 01.03.2026 startet unsere einjährige Auszeit.

Diese beiden Ziele treiben uns an. Sie sind so wichtig für uns. Und mit dem Frugalismus haben wir das passende Werkzeug gefunden.

Das bedeutet aber nicht, dass wir – wie oben geschrieben – im Dunkeln sitzen. Wir lassen einfach nur die Dinge weg, die uns keinen Mehrwert bringen, die nicht wichtig sind. Wir sind mit uns im Reinen, wissen was wir möchten und leben einfach unser Leben.

Wichtiger als Konsum ist uns die Zeit, die wir mit der Familie, Freunden und anderen Menschen verbringen. Diese gemeinsame Zeit lässt uns noch lange Lächeln, wenn wir daran zurück denken.

Kritik am Frugalismus

Die Kritik am Frugalismus ist oft, dass “Freuden” auf später verschoben werden, man jedoch nie sicher sein kann, das angestrebte Alter und die Freiheit zu erreichen. Dem zweiten Teil stimme ich uneingeschränkt zu, wir wissen nie, wann wir sterben. Es kann heute so weit sein, in 10 Jahren oder in 40 Jahren. Deshalb halten wir es für sinnvoll zu leben. Aber leben bedeutet nicht undbedingt Geld ausgeben zu müssen.

Dass unsere Urlaube sich beispielsweise vor allem in Europa abspielen hat bei uns nichts mit sparen zu tun, sondern mit dem Umstand, dass wir uns vor 8 Jahren für unsere Hündin entschieden haben und diese auch im Urlaub bei uns ist. Eine Flugreise würde wir ihr nicht zumuten wollen.

Vegetarier sind wir nicht aus kostengründen geworden, sondern aus ethischen Gründen. Eine simple Ernährung mit regionalen und saisonalen Zutaten – übrigens vom Bio-Bauern – war eine ökologische und nachhaltige Entscheidung.

Wir vermissen nichts. Seit wir minimalistisch leben, sind wir viel mehr bei uns angekommen. Wir wissen wieder was uns gut tut und mit Blick in die Zukunft: Selbst wenn wir nicht auf Reisen gehen sollten aus irgendwelchen Gründen, können wir es uns finanziell leisten, beide in Teilzeit zu arbeiten. So können wir noch mehr Zeit für das nutzen, was uns auch noch Spaß macht.

Die Sache mit dem Genuss

Ich war am Sonntag eine Stunde im Wald unterwegs, alleine. Zuerst hatte ich ein Hörbuch an, habe aber schnell bemerkt, dass ich gar nicht zuhöre und abschweife mit den Gedanken. Also habe ich einfach Musik angemacht. Dann ist mir aufgefallen, dass wir Menschen oft die Arbeit vor den Genuß stellen. Vor allem Menschen, die gern alles perfekte machen oder kontrollieren möchten erlauben sich wenig Genuß, bevor nicht die Arbeit erledigt ist. Ich kenne das auch von mir, von früher. Aber mal ehrlich, die Arbeit ist nie fertig. Es gibt immer was zu tun!

Dann erinnerte ich mich an meine Kindheit. Ich weiss noch, dass ich mir oft dachte: Wenn ich erwachsen bin, mache ich nur was mir gefällt. Ich esse was ich mag, wenn ich keine Lust habe arbeiten zu gehen, dann tue ich das nicht. Ja, die Gedanken waren sehr naiv. Aber in einem hatte ich recht. Ich – und Du auch – kann machen was ich möchte. Natürlich muss ich dafür die Konsequenzen tragen (für den Fall dass ich nicht auf Arbeit gehe z.B.) aber grundsätzlich steht mir alles frei. Was spricht dagegen, jeden Tag zu geniessen? Es mir schön zu machen? Das zu tun, was mir gut tut? Ich bin erwachsen! Ich bin keinem Rechenschaft schuldig.

Mittlerweile genieße ich meine Tage. Wenn ich keine Lust habe zu kochen, bitte ich meine Familie. Ich möchte gern raus gehen? Dann mache ich eher Feierabend und genieße das Wetter – einer der Vorteile meines Jobs. Wenn ich am Wochenende wegfahren möchte, tue ich das. Natürlich spreche ich mich mit meiner Familie ab, da wir aber sehr ähnliche Interessen haben, passt das gut.

Und Schokolade und Eis zum Frühstück ist übrigens nicht so verlockend wie ich als Kind immer dachte.

Viele der Dinge, die mir gut tun, kosten kein Geld. Die Natur, der Wald und Bewegung spielen für mein Wohlbefinden eine große Rolle. Diese Dinge sind kostenlos. Freunde und Familie treffen ist wichtig für mich, auch das kostet kein Geld. Yoga kann ich überall praktizieren, am liebsten tue ich auch dies in der freien Natur. Ja, reisen kostet Geld und für diese Erinnerungen, die uns noch lange tragen, verzichten wir nicht darauf.

Frugalismus ist das, was Du darunter verstehst! Wenn Du ein teures Hobby hast, welches Dich immer dann lächeln lässt, wenn Du daran denkst, super! Gibst Du aber Geld aus und bist dennoch unzufrieden, wäre es gut zu hinterfragen.

Was möchtest Du?

Hast Du Dir einmal überlegt, wie Du leben möchtest? Bist Du zufrieden mit Deinem Leben oder haderst Du Sonntagabends mit dem Montag? Liebst Du Dich selbst? Genießt Du Dein Leben? Was könntest Du ändern? Gibst Du Geld aus und ärgerst Dich danach, dass Du diese Sache eigentlich gar nicht benötigt hast? Für die Beantwortung dieser Fragen habe ich viel Zeit gebraucht. Die Entwicklung vollzog sich Schritt für Schritt. Aber sie hat uns auf unserer persönlichen Entwicklung geholfen.

Was denkst Du über das Thema Frugalismus bzw. sparsame Lebensweise?

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2 Kommentare

  1. Chris Chris

    Hallo,
    ich kann Dich sehr gut verstehen. Wir sind zwar nicht so konsequent wie Ihr, haben aber auch durch gut geplante Ausgaben (Frugalismus mag ich als Begriff nicht so) ein paar Ziele umgesetzt. Mein Mann ist 6 Jahre älter, also wollten wir zusammen aufhören können mit der bezahlten Arbeit. Das haben wir mit 55/63 vor 9 Jahren auch geschafft. Einige Reisen, die wir machen wollten, hätten wir so neben der Arbeit nicht machen können. Die Gesundheit bzw. Corona hat uns gelegentlich ein Bein gestellt, aber neben Arbeitsbelastung wäre es nerviger.
    Ich habe ein Instrument gelernt und kann mich immer gut beschäftigen.
    Wenn ich gefragt werde, was ich den ganzen Tag mache, ist meine Antwort “was ich will”.
    Früher oder später kommt doch (fast) jeder in die Situation, seine Zeit selbst planen und strukturieren zu müssen. Warum dann nicht früher, wenn man noch mehr Möglichkeiten und Gesundheit hat?
    Euch viel Spaß auf Eurem guten Weg!

  2. einfachfreileben einfachfreileben

    Hallo Chris,

    das hört sich toll an. Am schönsten finde ich Deine Antwort auf die Frage, was Du den ganzen Tag machst. Damit ist alles gesagt!
    Wir haben nur dieses eine Leben hier, deshalb sollten wir aus diesem Leben das beste machen, das sind wir uns selbst schuldig. Ich freue mich sehr für Euch, dass ihr Eure freie Zeit bereits geniessen könnt.
    Liebe Grüße
    Julia

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